Die Renaissance des Radfahrens
Interview mit Werkstatt-Teilnehmer DI Martin Reis
Themenverantwortlicher für Mobilität im Energieinstitut,
geb. 1973, lebt in Wolfurt
Schritt für Schritt zur Energieautonomie: Für Martin Reis heißt das verdichteter Wohnbau in einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt in Passivhaus-Qualität. Sieben Familien haben dafür miteinander in Wolfurt ein Grundstück erworben und einen Architekturwettbewerb ausgeschrieben. Entstanden ist eine Reihenhausanlage, bei der jedes Haus Einfamilienhauscharakter hat und trotzdem die Bebauungsdichte eines kleinen Wohnblocks erreicht wird. Gemeinsam betrieben werden die Heizung mit Solaranlage und Pellets sowie die Wasserversorgung. Auch die Parkplätze werden von allen genutzt.
„Die Energieautonomie umzusetzen, wird nur dann gelingen, wenn wir den motorisierten Individualverkehr in den nächsten 50 Jahren zumindest halbieren. Die Arbeitsgruppe Mobilität empfiehlt deshalb, alle zukünftigen Verkehrsinfrastrukturprojekte unter dieser Voraussetzung zu überprüfen“, sagt Martin Reis. Die Mobilität sieht er neben der Raumplanung als entscheidenden politischen Knackpunkt für die Energiezukunft Vorarlberg.
Sein Mobilitäts-Szenario für 2050 beschreibt Martin Reis so: „Hauptverkehrsmittel auf allen kurzen Wegen ist das Fahrrad. Zwischen allen Gemeinden in Tal-Lagen gibt es Radschnellverbindungen. Fahrradtiefgaragen, attraktive Abstellplätze, automatische Fahrradverleihstationen, Ampeln mit Vorrangschaltung für Radfahrer sind selbstverständlich. Autos mit Verbrennungsmotoren sind Geschichte. Maximal ein paar Liebhaber von „Oldtimern“ sind noch mit teuren, mit Biodiesel angetriebenen Autos unterwegs. Und für jene, die das eigene Auto nicht nur als Fortbewegungsmittel sondern als Statussymbol brauchen, gibt es längst elektrische Superflitzer, die dann aber meistens auch nicht schneller als mit Tempo 30 fahren können. Ja richtig, im Ortsgebiet gilt selbstverständlich Tempo 30. In meinem Wohnort Wolfurt sind viele Straßen für den Autoverkehr gesperrt. Für den Durchzugsverkehr mit Autos gibt es nur noch eine Hauptstraße mit einem Tempolimit von 30 km/h in den Kernzonen. Die zweite Durchzugsstraße ist inzwischen eine Fahrradschnellverbindung, Autos sind hier zwar erlaubt, sie dürfen aber nur zufahren, nicht mehr durchfahren. Zusätzlich sind im gesamten Ortsgebiet kleine Elektrobusse unterwegs, die die Menschen im 10-Minuten-Takt zum Bahnhof bringen. Von dort fährt alle zehn Minuten ein Zug Richtung Bregenz und Richtung Dornbirn. Auch mit dem Fahrrad kann man über eine Schnellverbindung zum Bahnhof gelangen und es dort beim überdachten Fahrradabstellplatz parkieren. Zusätzlich haben die Züge eigene Waggons für Fahrräder. Jede halbe Stunde fährt ein Zug Richtung Innsbruck. Wer schnell nach Buch oder Bildstein gelangen will, leiht sich ein Elektroauto an einer der Verleihstationen aus, die in jedem Ortsteil vorhanden sind. In meinem Zukunftsszenario wird etwa ein Viertel aller Wege mit Elektroautos bewältigt, großteils mit solchen Leihautos. Der Energieverbrauch im Verkehr ist im Vergleich zum Jahr 2010 auf ein Viertel zurückgegangen, ebenso der Bedarf an Parkplätzen. Verkehrslärm und Abgase sind ein historisches Phänomen. Das gilt auch für überdimensionierte Einkaufszentren auf der grünen Wiese, die längst wegen Unrentabilität geschlossen sind. Die Versorgung mit den Gütern des täglichen Bedarfs wird in Zukunft wieder dort stattfinden, wo die Menschen wohnen.“
Martin Reis betont, dass viele dieser Überlegungen keineswegs Träumereien sind, sondern sich an bereits verfügbaren Modellen in Holland, Dänemark und Norddeutschland orientieren. Für seine zukunftsweisende Wohnanlage in Wolfurt hat er noch eine Idee parat. Die sieben Familien könnten sich in einer Car-Sharing-Gemeinschaft fünf Autos teilen. „Wenn man sich die reale Nutzung genau anschaut, müssten sogar drei Autos reichen“, ist Martin Reis überzeugt. „Denn schließlich sind die Autos im Schnitt nur fünf Prozent des Tages in Bewegung. Sonst stehen sie nur herum.“
TeilnehmerInnen Werkstatt Mobilität:
DI Martin Besch, Alois Mätzler, Peter Moosbrugger, Ing. Christian Österle, DI Andreas Postner, DI Martin Reis, DI Martin Scheuermaier, DI Franz Schwerzler, Dr. Georg Sele

